Rebeccas Bericht

Rebecca war 2008/09 von Kawaida e.V. entsandte weltwärts-Freiwiliige im CBCCTF.  

Über 3 Monaten sind vergangen, seit wir hier in Afrika und somit unserer neuen Heimat angekommen sind und ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht.
Von Anfang an hat man irgendwie nicht wirklich wahrgenommen, dass man jetzt hier ist und all das erlebt, worauf man so lange gewartet hat, worauf man Monate lang hingearbeitet hat. Doch die Momente, in denen es einem dann bewusst wird, dass man in Afrika ist und seinen Traum lebt, werden immer öfter. Sie kommen ganz plötzlich und in den merkwürdigsten Situationen: z.B. sitzt man im Daladala (Minibus) eingequetscht zwischen vielen schweißnassen und dementsprechend riechenden Afrikanern, man selbst klebt ebenfalls am ganzen Körper, die Sonne knallt, es ist unglaublich schwül und heiß, man hat Durst, stellt nebenbei fest, dass man sich verfahren hat und nicht weiß wo man ist, die Stadt ist laut und staubig, es stinkt nach Müll, die Dudelmusik im Daladala ist zu laut und hört sich immer gleich an... doch trotzdem überkommt einen plötzlich ein Glücksgefühl, welches man kaum beschreiben kann und welches man vorher nie gekannt hat. In diesen Momenten lacht man über die blöde und doch so typisch afrikanische Situation, man guckt aus dem Fenster und ist tief zufrieden, man liebt die Menschen, ihre Freundlichkeit, ihre Offenheit mit allen zu Reden, ihre Freude eine Weiße zu sehen sodass sie gleich völlig aus dem Häuschen “AA, Mzungu!! Mambo vipi!! (AA, Weiße!! Wie geht’s?)“ rufen. Man liebt die Stadt, die sandigen Wege, die vielen kleinen Dukas (Läden) und Häuschen. Man ist einfach unglaublich glücklich hier zu sein, all dies Neue erleben zu können, fühlt sich frei und strahlt übers ganze Gesicht...

Bevor wir am 01.08.08 angefangen haben in unseren Schulen zu arbeiten, hatten wir hier etwa 3 Wochen eine Vorbereitungszeit, in der wir von zwei Kawaida-Mitgliedern Paul und Johann eingeführt wurden. Im Nachhinein bin ich unglaublich froh, dass wir die Unterstützung der beiden hatten. Einerseits möchte man natürlich auch selbstständig alles entdecken und kennen zu lernen, unabhängig sein, wenn man sich schon von zu Hause und der Heimat getrennt hat. Doch ich kann nur sagen, dass sie uns wirklich eine große Hilfe waren, gerade weil Paul und Johann selbst auch schon längere Zeit hier gelebt haben undeinfach schon die gleichen Erfahrungen gemacht haben. In diesen drei Wochen haben sie uns mit allem vertraut gemacht, sodass wir danach ohne Probleme selbstständig zurechtgekommen sind: Sie haben uns die wichtigen Orte der Stadt gezeigt (deutsche Botschaft, Immigration-Office, Krankenhaus, Banken, Supermärkte, Einkaufsviertel, Universität, ...). Sie haben uns das Dala- System (die Ruten der Kleinbusse) nahe gelegt, haben mit uns schon mal unsere Schulen besucht, außerdem die neue Währung erklärt und gesagt was ungefähr wieviel kostet, unser Swahili aufgebessert, uns ihren Freunden vorgestellt usw usw... Vor allem aber konnten sie uns viele Dinge, einfach aus ihren eigenen Erfahrungen heraus, mit auf den Weg geben, indem sie uns z.B. für uns komische Gewohnheiten und Sitten der Menschen oder ihre Ansichten und Tabus zu bestimmten Themen erklärt haben.

Somit haben wir uns von Anfang an hier sehr sicher gefühlt und mussten nie das Gefühl haben, ins kalte Wasser geschmissen worden zu sein.
Nach diesen 3 Wochen, in denen wir unglaublich viel Neues gesehen und erlebt hatten, aber nun auch die ersten Momente des Staunens vorbei waren und man sich langsam aber sicher an die neue Umgebung gewöhnt hat, haben wir dann angefangen in unseren Schulen zu arbeiten. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Arbeitstag in dem Kindergarten und der Grundschule Atlas erinnern:
Aufgeregt, aber auch sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Kinder bin ich morgens kurz vor 8 Uhr aus dem Haus gestiefelt und habe mich schon jetzt über den kurzen Weg zur Arbeit gefreut, für den man ungefähr 3 Minuten zu Fuß braucht.
Dort angekommen wurde sehr freundlich von den Lehrern begrüßt. Ich war so froh über den herzlichen Empfang der Kollegen: „You are most welcome“, hieß es von allen.
Alle Kinder standen bereits sehr stramm und gerade alle mit der gleichen Schuluniform in Reihen und begannen in Begleitung von Trommeln und anderen Instrumenten die Nationalhymne und andere Lieder zu singen. Ebenfalls ein Gebet war Teil des morgendlichen Programms. Einerseits gefiel mir dieses für mich ja auch völlig neue Morgenprogramm, andererseits kam es mir alles ein wenig militärisch vor. Vorne stand immer ein Lehrer, der Anweisungen gab oder Sprüche vorbrüllte, die alle Kinder im Chor nachsagen mussten. Nach etwa 15 Minuten marschierten dann alle Kinder nacheinander in ihre Klassenräume. Ich wurde nun von einem Lehrer durch alle Klassen geführt. In jeder Klasse, die man betrat, standen die Kinder sofort auf und riefen: „Good morning teachers!“ und setzten sich erst wieder, wenn man es ihnen erlaubte. Nachdem wir durch alle Klassen gegangen waren, entschied ich mich, für den Tag in einer zweiten Klasse zu bleiben. Die Lehrerin hat sich sehr gefreut und mich herzlich willkommen geheißen. Sie hat dann ganz normal ihren Unterricht gemacht und ich hab mir erstmal alles angeguckt.
Dadurch, dass ich auch in einer zweiten Klasse in Deutschland ein Praktikum gemacht habe, hatte ich so den direkten Vergleich:
Ziemlich schnell bekam ich mit, wie anders doch alles abläuft: z.B. handelt es sich wohl einzig und alleine um frontalen Unterricht, sprich die Lehrerin sagt etwas und die Kinder sagen es nach, oder es wird etwas an die Tafel geschrieben und die Kinder schreiben es ab. Ziemlich einseitig.
Die Klassenräume sind mehr als schlicht. Sie beinhalten im Prinzip nicht viel mehr als Holzbänke, Tische und vorne eine Tafel. Keine bunten Basteleien der Kinder an den Wänden oder den Fenstern, keine Spielecke, keine Stifte, Farben, Bastelsachen, keine Regale oder Schränke voll mit Spielsachen.
Die Unterrichtsmaterialien beschränken sich auf einzelne Bücher der Lehrer, aus denen sie etwas abschreiben, Kreide und roten Stiften zum Korrigieren.
Der Schulhof ist sehr klein, so klein dass nicht alle Klassen gleichzeitig Pause haben, sondern nacheinander. Auch hier gibt es keine Geräte zum Spielen, der Schulhof ist leer. Die Kinder beschäftigen sich mit sich selbst.
Aber abgesehen von den äußerlichen Umständen, war es für mich auch nicht einfach, mit anzusehen, wie die Lehrerin die Schüler mit einem langen Stock geschlagen hat. Und oftmals auch ohne richtigen Grund, oder zumindest konnte das Kind den Grund nicht verstehen. Wenn die Klasse zu laut wurde, ging die Lehrerin dann mit drohendem hochgehaltenen Stock durch die Reihen und blitzartig legten alle Kinder mucksmäuschenstill die Köpfe auf die Holztische.
Zur Lunchtime stellen sich die Kinder auch klassenweise in einer Reihe auf und bekamen nacheinander einen Teller mit Bohnen und Reis. Zusammen mit der Lehrerin und den Kindern habe ich im Klassenraum gegessen.
Danach sollten die Kinder erstmal “schlafen“, also ihre Köpfe auf die Tische legen und ruhig sein. Die nächsten eineinhalb Stunden am Nachmittag ist nicht mehr viel passiert. Die Kinder sollten ruhig auf ihren Plätzen sitzen und warten bis sie von den Schulbussen nach Hause gefahren werden. Ich hab mich mit der Lehrerin unterhalten. Gleichzeitig taten mir aber auch die Kinder irgendwie Kleid, weil sie nichts zu tun hatten. Ich habe mir schon mal überlegt, wie man die Zeit am Nachmittag zukünftig sinnvoller nutzen könnte, also mit irgendwelchen Aktivitäten, Spielen oder Bastelarbeiten.
Um 16 Uhr wurden die Kinder dann nach Hause gefahren und auch ich bin nach Hause gegangen, den Kopf voll mit neuen Eindrücken und dem Bedürfnis mich erstmal auszuruhen... So kam ich also mit sehr gemischten Gefühlen von meinem ersten Arbeitstag nach Hause. Mir war bewusst, dass ich mich innerlich darauf einstellen musste, wie anders doch alles in der Schule abläuft und irgendwie habe ich die ganze Zeit gehofft, dass ich mich im Laufe meiner Arbeit an alles gewöhnen kann...
Wenn ich an diesen ersten Tag in der Schule zurückdenke und ihn mit der jetzigen Situation vergleiche, ist schon alles um einiges einfacher geworden und erstaunlicherweise gewöhnt man sich auch an Dinge, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte.
Nachdem ich in allen Klassen einen Probetag gemacht hatte, und ich nun meinen festen Platz in einer zweiten Klasse habe, mich mit der Lehrerin sehr gut verstehe, die einzelnen Kinder und auch ihre Namen kenne und sie anfangen auch mich zu kennen und zu respektieren, sind alle anfänglichen Bedenken, Sorgen und Ängste fast vergessen...

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